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Oft gefragt

LGBTIQ? Sternchen? Was ist eigentlich 'schwul' oder 'lesbisch' ganz genau? Das Glossar beantwortet die wichtigsten Fragen.

Dieses Glossar wird mit freundlicher Unterstützung der NRW-Kampagne "anders und gleich - Nur Respekt Wirkt" zur Verfügung gestellt.

A

Androgyn

Der Begriff „androgyn“ ist eine Fusion aus den altgriechischen Begriffen für Mann (andros) und Frau (gyné). Ein androgyner Mensch ist also jemand, der_die in Aussehen oder Verhalten „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften kombiniert.

Prominente Beispiele für androgyne Inszenierungen sind die Sänger Bill Kaulitz oder Boy George, die Sängerin und Schauspielerin Grace Jones, das Model Andrej Pejic oder die Schauspielerin Tilda Swinton. Im Gegensatz zu Transidenten oder Transsexuellen, die ein Leben im anderen Geschlecht anstreben, ist das biologische Geschlecht androgyner Menschen in den meisten Fällen klar erkennbar. Ihr Umgang mit der uneindeutigen Rolle zwischen den Geschlechtern ist eher spielerisch.

Nochmal zurück zu den alten Griechen: In der griechischen Mythologie gelten androgyne Wesen als besonders weise, weil sie die Erfahrungen beider Geschlechter in sich vereinen.

Asexuell

Asexuelle Menschen haben kein Verlangen nach Sexualität mit anderen Menschen.

Es handelt sich also in der Regel nicht um eine bewusste Entscheidung, auf Sex zu verzichten, wie sie zum Beispiel katholische Priester mit dem Zölibat treffen. Sondern um die Abwesenheit sexueller Erregung – oder deren Ablehnung. Auch hier gibt es – wie so oft, wenn es um die sexuelle Identität geht – verschiedene Varianten. 

Manche asexuelle Menschen verlieben sich und möchten körperliche Nähe und Zärtlichkeit zu ihrem_r Partner_in, haben aber darüber hinaus keinerlei Bedürfnis nach Sexualität mit ihm_ihr. Anderen ist auch das Gefühl romantischer Liebe fremd. Auch die Art, ob und wie Asexuelle Erregung erleben, ist unterschiedlich. Manche empfinden generell keine oder kaum Erregung; andere masturbieren, ohne dass sich ihre Lust dabei auf einen anderen Menschen richtet; wiederum andere empfinden Erregung, erleben sie aber nicht als angenehm, sondern als störend.

Weil Menschen, die sich zu ihrer Asexualität bekennen, häufig auf irritierte Reaktionen stoßen, haben Asexuelle 2001 in den USA das Asexual Visibility and Education Network (AVEN) gegründet. Es ist inzwischen zu einer weltweiten Community angewachsen – seit 2005 existiert auch eine deutsche Website - und soll Akzeptanz gegenüber einer asexuellen Lebensweise schaffen.

B

Bisexuell

Bisexuelle Menschen (nach der lateinischen Vorsilbe bi- = zwei) fühlen sich sexuell und/oder emotional zu beiden Geschlechtern hingezogen. Nationaltorhüterin Nadine Angerer hat es so ausgedrückt: „Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde.“

Sigmund Freud stellte die These auf, dass im Grunde alle Menschen bisexuell sind, also die Fähigkeit besitzen, Männer wie Frauen zu lieben und/oder zu begehren. Knapp ein halbes Jahrhundert später bestätigte der Kinsey-Report Freuds Annahme: 90 Prozent der befragten 17.000 Amerikaner_innen seien „zu einem gewissen Grad bisexuell“, erklärte der Sexualforscher, der dabei allerdings auch einmalige sexuelle Kontakte oder sexuelle Phantasien mit dem gleichen Geschlecht einbezog, was heute wissenschaftlich durchaus umstritten ist. Dennoch: Sich nicht für ein Geschlecht zu entscheiden, stellt die monosexuelle Ordnung in unserer Gesellschaft in Frage. Bisexuelle lösen bei einigen Menschen Irritationen aus. Sie sind Vorurteilen ausgesetzt, sowohl von heterosexueller wie von homosexueller Seite.

Einem Teil der Bisexuellen fällt es deshalb besonders schwer, zu sich zu stehen. Allmählich treten aber auch Bisexuelle aus dem Schatten. Sie outen sich. Sie finden sichin Bi-Gruppen zusammen und entwickeln vielfätige Lebensstile – mit einem_einer Partner_in oder auch mehreren.

C

Coming out

Coming out heißt wörtlich „herauskommen“ und meint den Schritt, mit seiner sexuellen Identität an die Öffentlichkeit zu gehen.

Der in Deutschland wohl berühmteste Coming out-Satz stammt von Klaus Wowereit: „Ich bin schwul - und das ist auch gut so!“ hatte der Berliner Politiker gesagt, als er 2001 zum Bürgermeister-Kandidaten gewählt werden sollte. Vorher wollte Wowereit seine Homosexualität öffentlich machen und wählte dazu diesen selbstbewussten Ausspruch. „Ja, wir sind ein Paar!“ erklärten die TV-Moderatorin Anne Will und die Wissenschaftlerin Miriam Meckel auf Nachfrage der Presse und beendeten damit die Heimlichkeit um ihre Beziehung.

Natürlich ist die Öffentlichkeit nicht immer so groß wie bei Prominenten wie Will oder Wowereit. Für die meisten Lesben, Schwulen, Bi- oder Transsexuellen ist aber auch der Schritt, „es“ den Eltern, dem Freundeskreis oder dem kollegialen Umfeld zu sagen, ein sehr großer, der viel Mut erfordert. Bevor Menschen diesen Schritt nach außen gehen können, muss zunächst einmal das „innere Coming out“ abgeschlossen sein, also das eigene Erkennen und Annehmen des „Andersseins“. Dieser Prozess kann als Jugendliche_r, aber auch erst im Erwachsenenalter stattfinden.

Im englischen Sprachraum kommen Menschen übrigens „out of the closet“, also aus dem „Schrank“. Dieser Schrank symbolisiert die Enge und das Eingesperrtsein in den Normen einer Gesellschaft, die Heterosexualität oft als einzig mögliches Lebensmodell betrachtet und abweichende Lebensmodelle in vielen Fällen ablehnt und diskriminiert. Das „Coming out" ist ein Prozess, den Menschen selbstbestimmt und in selbst gewählten Schritten gehen. Es ist nicht zu verwechseln mit dem „Outing", das meist gegen ihren Willen von dritten Personen initiiert wird.

Community

Community heißt Gemeinschaft, also eine Gruppe von Menschen, die sich in einer vergleichbaren oder ähnlichen Lebenssituation befinden. In diesem Fall ist die Community also die Gruppe derjenigen, die aufgrund ihrer sexuellen Identität gleiche Erfahrungen teilt und in diesem Zusammenhang aktiv wird.

Zur Community gehört also das Beratungszentrum für Lesben und Schwule genauso wie das lesbische Volleyballteam; die Selbsthilfegruppe für Transsexuelle genauso wie die schwule Lederkneipe, der lesbische Stammtisch genauso wie das Schwule Museum. Also alle, die sich in irgendeiner Form zusammentun und handeln, um Selbstbewusstsein und Solidarität zu stärken – oder auch einfach gemeinsam Spaß zu haben.

Im Gegensatz zu dem Begriff Szene wird mit dem Begriff Community das Zusammengehörigkeitsgefühl stärker betont.

CSD

Unter seiner Abkürzung CSD ist er mittlerweile wohl besser bekannt als unter seinem vollen Namen: Christopher Street Day. Am 28. Juni 1969 setzten sich Schwule, Lesben und Transsexuelle gegen eine Razzia der Polizei im Szene-Lokal „Stonewall“ in der New Yorker Christopher Street zur Wehr.

Lange hatten sie die brutale Polizeiwillkür gegen Andersliebende ertragen – an diesem 28. Juni verbarrikadierten sie sich im „Stonewall“ und sperrten die Ordnungskräfte aus. Der mutige und spektakuläre Aufstand gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transsexuellen ging um die Welt und machte die Christopher Street berühmt.

Seither wird der Christopher Street Day in vielen Ländern mit Paraden und Straßenfesten gefeiert, um für Akzeptanz und Anerkennung zu demonstrieren und die eigene Lebens- und Liebesform mit Stolz zu zeigen. Die Bezeichnung Christopher Street Day ist vor allem in Deutschland und der Schweiz üblich. In Österreich heißt der Umzug Regenbogenparade, in englischsprachigen und romanischen Ländern wird meist von Gay Pride oder Pride Parades gesprochen. In Australien sind die Paraden mit der Karnevalstradition vermischt worden und heißen deswegen dort Mardi Gras.

Während sich in den 1980er Jahren gerade einmal ein paar Hundert Teilnehmer_innen in Metropolen wie Berlin oder Köln auf die Straße wagten, nehmen heute Zehntausende an den Paraden teil, die Hunderttausende Zuschauer_innen anziehen. Während die CSDs in Westeuropa einen volksfestähnlichen Charakter haben und sich auch beim heterosexuellen Publikum großer Beliebtheit erfreuen, kämpfen Lesben, Schwule und Transsexuelle in Osteuropa immer wieder gegen das Verbot ihrer Paraden – und gegen massive Angriffe durch rechtsgerichtete homophobe Gruppierungen.

D

Drag Queen / Drag King

Der Begriff Drag stammt aus dem Englischen und bedeutet in diesem Zusammenhang Verkleidung oder Kostüm und bezieht sich auf das Tragen der Kleidung des jeweils anderen Geschlechts.

Eine Dragqueen ist ein Mann, der in künstlerischer oder humoristischer Praktizierung von Travestie durch Aussehen und Verhalten eine Frau darstellt. Das Gegenstück dazu ist ein Dragking.

Eine Dragqueen trägt meist sehr weibliche Kleidung, kunstvolles Makeup, Schuhe mit hohen Absätzen und ausladende Perücken. Dragqueens sind vornehmlich in der Schwulenszene der Großstädte zu finden. Bei politischen Umzügen und Festen wie dem in vielen Großstädten stattfindenden Christopher Street Day treten Dragqueens auch für die szenefremde Bevölkerung in Erscheinung. Eine Dragqueen spielt ihre Rolle nicht nur um aufzufallen, sondern versucht, die Rollenbilder „Mann“ und „Frau“ ad absurdum zu führen.

Viele Dragqueens sehen in ihrem Auftreten ein sozialpolitisches Statement: Sie zeigen der Gesellschaft auf, dass es innerhalb des heteronormativen bipolaren Geschlechtersystems (Mann-Frau) auch eine Art Drittes Geschlechtgibt. Somit sind viele Dragqueens der Vergangenheit und Gegenwart nicht nur schrille Diskoqueens, sondern fungieren als Galionsfigur in der Homosexuellenbewegung. 

Als Dragking (in Anlehnung an Dragqueen) wird eine Frau bezeichnet, die innerhalb einer Bühnenrolle in typisch männlicher Kleidung und Aussehen stereotype männliche Verhaltensweisen darstellt oder persifliert. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Dragkings, die sich selbst nicht in einem heteronormativen Kontext als Frau verstehen oder selbst Männer sind, die bestimmte Arten der Männlichkeit, beispielsweise Machismus, überspitzt darstellen. Die Aktivität von Dragkings wird auch als Kinging bezeichnet. Das Kinging geschieht zum Teil auch im Alltag, zum Teil im geschützten Bereich einer subkulturellen Szene. 

F

FABGLITTER

Das Magazin Anything That Moves prägte das Akronym „FABGLITTER“ für Fetish, Allies, Bisexual, Gay, Lesbian, Intersexed, Transgender, Transsexual Engendering Revolution, (im Deutschen „Fetisch, Verbündete, Bisexuelle, Schwule, Lesben, Intersexuelle, Transgender, Transsexuelle erzeugende Revolution“).

G

Gender

In der deutschen Sprache gibt es schlicht keine Entsprechung für dieses englische Wort. Die bloße Übersetzung von „Gender“ in „Geschlecht“ reicht nicht aus.

Denn im Englischen gibt es zwei Begriffe für das deutsche „Geschlecht“, die etwas völlig verschiedenes meinen: „Sex“ ist das biologische Geschlecht, das sich durch die Geschlechtsorgane definiert (und selbst diese Definition ist nicht immer eindeutig, siehe lsbtti und trans*). Gender meint das „soziale Geschlecht“, das sich unabhängig von Penis oder Vagina manifestieren und daher vom biologischen Geschlecht variieren kann. Die Gender-Theorie geht davon aus, dass das Geschlechterverhalten nicht nur biologisch, sondern vor allem kulturell bedingt und daher erlernt ist.

Welches Aussehen, welches Verhalten und welche Rolle eine Gesellschaft als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ betrachtet und einfordert, kann demnach je nach Epoche und Lebensraum sehr unterschiedlich sein. Ein biologischer Mann kann sich also in seiner sozialen Rolle auch sogenannte „weibliche“ Attribute aneignen. Genauso kann eine biologische Frau sogenannte „männliche“ Eigenschaften oder Äußerlichkeiten in ihr Verhaltensrepertoire aufnehmen. Für viele Menschen ist diese Erweiterung ihres Rollenspektrums längst Realität.

Geschlechtsidentität

Bin ich eine Frau? Bin ich ein Mann? Bin ich eine Frau, die sich als Mann fühlt? Ein Mann, der sich als Frau fühlt? Oder als ein Mensch „dazwischen"? Die Geschlechtsidentität meint das Bewusstsein, sich einem Geschlecht zugehörig zu fühlen.

Dieses Geschlecht muss aber nicht zwingend das biologische Geschlecht sein, sondern kann davon abweichen. Ebenso kann die Art und Weise variieren, wie zum Beispiel ein biologischer Mann als Frau leben möchte: Möchte er mit einer Geschlechtsangleichung sein biologisches Geschlecht verändern? Oder ohne eine solche Operation sozial als Frau leben? Oder: Welchem Geschlecht fühlt sich ein intersexueller Mensch zugehörig, also jemand, der mit den Anlagen für die Geschlechtsorgane beider Geschlechter zur Welt gekommen ist? Womöglich keinem der beiden gesellschaftlich anerkannten, sondern einem dritten, bisher noch undefinierten?

Im Juni 2011 verabschiedete der Meschenrechtsrat der UNO eine Resolution, wonach niemand wegen seiner Geschlechtsidentität (Gender Identity) verfolgt und diskriminiert werden darf. Das Recht auf die individuelle Geschlechtsidentität ist also ein Menschenrecht.

H

Heterosexuell/ Heteronormativität

Der griechische Begriff „hetero“ bedeutet „verschieden“ oder „ungleich“ (im Gegensatz zu „homo“ = gleich). Heterosexuelle Menschen fühlen sich also von Menschen des ungleichen, also anderen Geschlechts angezogen. Soweit die sprachliche Herkunft.

Wer in ein wenige Jahrzehnte altes Fremdwörterlexikon von 1990 schaut, entdeckt eine andere Definition: „normale Sexualität“ steht dort unter dem Begriff „Heterosexualität“, und entsprechend unter „heterosexuell“: „normal sexuell“. Lange Zeit galt Heterosexualität, also Sexualität zwischen Männern und Frauen, als Norm, andere Formen der Sexualität wurden dagegen als Abweichung oder gar als Krankheit betrachtet. Diese Haltung, die ausschließlich Beziehungen zwischen Männern und Frauen anerkennt und alle anderen sanktioniert, wird als „Heteronormativität" bezeichnet.

Heute setzt sich in unserem Kulturkreis langsam die Erkenntnis durch, dass die sexuelle Identität – genau wie die Geschlechterrollen – durchaus durch lässig sein kann. Und dass Bewertungen wie „normal“ oder „unnormal“ hier fehl am Platze sind.

Homophobie

„Ich prägte das Wort ‚Homophobia’, um auszudrücken, dass es eine Furcht vor Homosexuellen war.... Es war eine Furcht vor Homosexuellen, welche mit einer Furcht vor Verseuchung verbunden zu sein schien, einer Furcht davor, die Dinge, für die man kämpfte – Heim und Familie – abzuwerten. Es war eine religiöse Furcht und sie hatte zu großer Unmenschlichkeit geführt, wie es die Furcht immer macht.“

So beschreibt der amerikanische Psychotherapeut George Weinberg, was ihn bewegte, im Jahr 1965 in einem Vortrag das Wort „Homophobie“ zu verwenden – und in seiner weiteren Arbeit diesen heute gängigen Begriff zu verbreiten. Wer heute von Homophobie spricht, meint den Hass auf Homosexuelle. Das Wort „Phobie“ stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet eine irrationale Angst. Weinberg analysierte also als Ursache für diesen Hass eine tiefe Furcht – vor dem oben genannten, aber auch vor den eigenen homosexuellen oder „weiblichen“ bzw. “männlichen“ Anteilen.

Wer heute von Homophobie spricht, meint damit in der Regel alle negativen Einstellungen gegenüber Lesben und Schwulen, die sich in Vorurteilen und Abwertung, der Befürwortung von Diskriminierung bis hin zur Gewaltausübung äußern können. Wissenschaftler_innen stellen sie in eine Reihe mit Rassismus, Sexismus oder Behindertenfeindlichkeit und sehen als Ursache dieser „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ eine Ideologie der gesellschaftlichen Ungleichwertigkeit.

Die Wurzeln der jeweiligen Abwertung haben dabei meist eine lange gesellschaftlich verankerte Geschichte, bei Schwulen und Lesben zum Beispiel die strafrechtliche Verfolgung und soziale Ächtung von Homosexualität während und nach der NS-Zeit. Auch Sexual- und Geschlechtsrollennormen und religiöse Vorstellungen prägen die Einstellungen zu Homosexualität.

Homosexuell / Homosexualität

Der griechische Begriff „homo“ bedeutet „gleich“ (im Gegensatz zu „hetero“ = ungleich, verschieden). Homosexuelle Menschen fühlen sich also von Menschen des gleichen Geschlechts angezogen.

Der Begriff „Homosexualität“ taucht erstmals Ende des 19. Jahrhunderts auf, als sich – nach der Kirche und der Justiz – auch die Medizin und Psychiatrie mit der Liebe zwischen Frauen bzw. Männern zu befassen begann und sie pathologisierte. Von da an dauerte es noch ein Jahrhundert, bis Homosexualität in Deutschland offiziell nicht mehr als Krankheit oder Verbrechen betrachtet wurde: 1969 wurde der § 175 StGB, der sexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellte, erstmals abgeschwächt, aber erst 1994 voll-ständig gestrichen (siehe § 175 StGB / Homosexuellenverfolgung).

Erst 1992 entfernte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus der International Classification of Diseases (ICD), der internationalen Krankheits-Klassifikation. Heute ist Homosexualität in Teilen der westlichen Gesellschaft als sexuelle Variante und Lebensentwurf anerkannt. In anderen Teilen scheinen sich Vorurteile und Ablehnung jedoch zu halten.

Untersuchungen schätzen die Zahl der Menschen, die ausschließlich homosexuell orientiert sind, auf fünf bis sieben Prozent. Die Zahl derjenigen, die sich nicht ausschließlich, aber auch zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, scheint erheblich größer zu sein (siehe bisexuell).

I

Inklusion

„Inklusion“ heißt „Einschluss“. Im Umkehrschluss bedeutet das, niemanden auszuschließen. Bei der Idee der Inklusion geht es also darum, dass jeder Mensch mit seinen Besonderheiten – seiner sexuellen Identität, seiner Behinderung oder seiner kulturellen Herkunft – ein vollwertiges und akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft ist.

Ein- bzw. ausgeschlossen kann ein Mensch gleich mehrfach sein. So kann es zum Beispiel passieren, dass ein türkischer schwuler Mann doppelt diskriminiert wird: als Türke von der deutschen Mehrheitsgesellschaft – und als Schwuler von seiner türkischen Community. Eine Lesbe mit Behinderung kann auf gleich drei Ebenen ausgegrenzt sein: aufgrund ihres Geschlechts, aufgrund ihrer sexuellen Identität und aufgrund ihrer Behinderung.

Inklusion bedeutet das Gegenteil davon: nämlich die Aufnahme des „anderen“ Menschen in seine oder ihre Gemeinschaft(en). Und das setzt voraus, dass der gängige Begriff der Normalität im Sinne von Normensetzung außer Kraft gesetzt wird. Normal ist Vielfalt. Und Vielfalt bereichert.

Intersexuell / Intersexualität

Intersexuelle Menschen werden mit den körperlichen Anlagen beider Geschlechter geboren. Dabei gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Varianten.

So kann es zum Beispiel sein, dass ein Fötus mit XY-Chromosomen zwar Hoden ausbildet, die männliche Hormone ausschütten, welche aber nicht vom Körper aufgenommen werden, was für ein männliches äußeres Erscheinungsbild nötig ist. Somit hat der Mensch männliche Geschlechtsorgane, aber ein weibliches Äußeres. Oder: Aufgrund eines Enzymmangels bildet der Körper zunächst kein Testosteron. Der Mensch wächst zunächst als Mädchen auf, entwickelt aber in der Pubertät männliche Merkmale wie Bartwuchs und Stimmbruch.

Darüber hinaus gibt es Varianzen von Intersexualität. Fachleuten zufolge kommen jedes Jahr in Deutschland rund 150 bis 340 Kinder auf die Welt, die kein eindeutiges Geschlecht haben. Laut Bundesregierung gibt es zwischen 8.000 und 10.000 intersexuelle Menschen in Deutschland – Intersexuellen-Verbände und -Gruppen schätzen die Zahl sogar ein Zehnfaches höher.

Der Deutsche Ethikrat hat sich im Auftrag der Bundesregierung in einer Stellungnahme aus-führlich mit der Situation intersexueller Menschen befasst. Problematisiert werden u.a. medizinische Verfahren, insbesondere geschlechtszuordnende Operationen im Kindesalter, sowie Fragen des Personenstandsrechts, das eine Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zu diesem Zeitpunkt vorgeschrieben und für andere Varianten keinen Raum gelassen hat. Damit werden intersexuelle Menschen, die auch als Hermaphroditen oder Zwitter bezeichnet werden,

in unserer Gesellschaft unsichtbar gemacht und sind schwerwiegenden Diskriminierungen ausgesetzt. Das Personenstandsgesetz wurde inzwischen geändert, sodass der Geschlechtseintrag im Geburtenregister offen gelassen werden kann.

L

Lebenspartnerschaft, Eingetragene

Im Alltag wird sie selten bei ihrem offiziellen Namen genannt, sondern meist schlicht „Homo-Ehe“. Dabei hatte die Eingetragene Lebenspartnerschaft, als sie am 1. August 2001 von den ersten Frauen- und Männerpaaren
geschlossen werden durfte, mit der Ehe noch recht wenig gemein.

Das Lebenspartnerschaftsgesetz, das von der damaligen rot-grünen Regierungskoalition beschlossen wurde, enthielt zunächst nur wenig eheliche Rechte, sondern vor allem die ehelichen Pflichten, wie Versorgungspflicht, etc. So durften zwar die „Verpartnerten“ einen gemeinsamen Namen tragen, und ein_e ausländische_r Partner_in erhielt ein Aufenthaltsrecht. Alle weiteren Rechte aber blockierte die damalige Opposition im Bundesrat.

Im Laufe der letzten Jahre wurde die „Homo-Ehe“ der „Hetero-Ehe“ immer weiter angeglichen. Dazu trugen maßgeblich die Urteile des Bundesverfassungsgerichts bei, das die Ungleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare – zum Beispiel in der Hinterbliebenenversorgung im Erbrecht, und im Einkommenssteuerrecht – für verfassungswidrig erklärt hat. Inzwischen sind verpartnerte Paare in den meisten Punkten mit verheirateten Paaren gleichgestellt.

Auch bei der Familiengründung gibt es nach wie vor Ungleichheiten: Ein Kind, das durch Insemination in einer Eingetragenen Partnerschaft geboren wird, gilt nicht automatisch als Kind beider Partner_innen, das volle Adoptionsrecht wird gleichgeschlechtlichen Paaren verwehrt. Viele Länder, darunter auch Mitgliedstaaten der EU, sind bereits weiter gegangen. Sie haben die Ehe auch für Paare gleichen Geschlechts geöffnet und für ein gemeinsames Adoptionsrecht gesorgt (siehe auch Regenbogenfamilie).

Lesbisch / Lesbe

Eine lesbische Frau ist homosexuell, sprich: gleichgeschlechtlich orientiert, sie liebt und begehrt also Frauen. Namensgeberin der lesbischen Liebe ist die Insel Lesbos. Hier lebte die griechische Dichterin Sappho im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und beschrieb in ihren Gedichten die Liebe zwischen Frauen.

Zum ersten Mal politisch zu Wort meldeten sich lesbische Frauen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwar saßen sie zwischen den Stühlen: der männlich dominierten Homosexuellenbewegung einerseits (siehe schwul / Schwuler) und der Frauenbewegung andererseits, die aus Angst vor noch mehr Anfeindungen keine offene Parteinahme für ihre lesbischen Aktivist_innen wagte. Dennoch protestierten einzelne Frauenrechtler_innen wie die Schriftstellerin Johanna Elberskirchen dagegen, dass der Homosexuelle als „Psychopath, als entartetes, demoralisiertes, minderwertiges Subjekt gebrandmarkt“ wird.

In der Weimarer Republik organisierten sich die Lesben vor allem in der Metropole Berlin in „Damenclubs“ und publizieren eigene Lesbenzeitschriften. Die Nationalsozialisten zerstörten die lesbische Lebenswelt nachhaltig.

Erst 1970 organisierten sich frauenliebende Frauen im Zuge der Frauen- und der Homosexuellenbewegung und nahmen den Kampf für ihre Rechte wieder auf. Sie bezeichnen sich nun selbstbewusst als „Lesben“ und besetzen so den abwertenden Begriff positiv. Seit einigen Jahren ist die Bezeichnung „Lesbe“ sogar in die offizielle Nachrichtensprache eingegangen. Dennoch wird „Lesbe“ in homophoben Kreisen nach wie vor als Schimpfwort (siehe Schimpfwörter) verwendet.

LSBTTI

Diese Buchstabenkombination ist die Abkürzung für: lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender und intersexuell. Sie soll alle sexuellen und geschlechtlichen Identitäten einschließen (siehe Inklusion).

Früher sprach die Community in der Regel nur von „Lesben und Schwulen“. In dem Maße wie sich aber auch zum Beispiel Trans- oder Intersexuelle selbstbewusst zu Wort meldeten, wurde klar, dass diese Kategorien zu eng sind und mit dem Begriffspaar viele Menschen ausgeschlossen werden. Zunächst wurde also „Lesben und Schwule“ ergänzt um die Gruppe der Bi- und Transsexuellen. Da die USA hier Vorreiter waren, lautete der neue Begriff „lgbt“, also „lesbian, gay, bisexual, transsexual“.

Aber auch der Begriff „transsexuell“ griff noch zu kurz, da damit ausschließlich Menschen gemeint sind, die ihr biologisches Geschlecht wechseln (siehe transsexuell / Transsexualität). Also wurden auch Transgender und Intersexuelle aufgenommen. Und weil es ziemlich lange dauert, all diese Worte auszusprechen, ist in der Community heutzutage von „lsbtti“ die Rede, wenn Menschen verschiedener sexueller und geschlechtlicher Identitäten gemeint sind.

M

Metrosexuell

Er gilt gewissermaßen als Prototyp des metrosexuellen Mannes: David Beckham, der modebewusste Fußballer und Familienvater, dem sein Styling ebenso wichtig scheint wie seine Tore.

Der Begriff „metrosexuell“ setzt sich zusammen aus „Metropole“ und „heterosexuell“. Der Typus Mann, der gemeint ist, kommt also laut Definition vor allem in Großstädten vor. In seiner sexuellen Identität entspricht er zwar der gesellschaftlichen Norm, wehrt aber seine „weiblichen“ Anteile nicht ab. Was in diesem Fall bedeuten soll: Er legt großen Wert auf sein Äußeres, ist in Sachen Mode up to date, trägt Schmuck oder färbt sich die Haare.

Geprägt wurde der Begriff in den 1990ern von dem britischen Journalisten Mark Simpson, der mit „metrosexuell“ vor allem das Phänomen bezeichnete, dass junge, gut situierte Männer angeblich einen zunehmenden Hang zum Shopping entwickelten. Was Simpson ursprünglich durchaus (konsum) kritisch gemeint hatte, griffen die Medien unkritisch auf und riefen Beckham zum Protagonisten aus. Inwieweit die „Metrosexualität“ also tatsächlich so weit verbreitet ist wie der Hype, der um sie entstand, und inwieweit die Modeindustrie bei der Verbreitung des Begriffs eine Rolle spielte, sei dahingestellt.

Bei diesem Begriff geht es also primär um eine gender-Inszenierung (siehe gender) und weniger um die sexuelle Identität.

N

Normal

Normal kommt von dem lateinischen „norma“: Richtschnur, Maßstab, Regel, Vorschrift. Die Norm steht für allgemein anerkannte Standards in einer Gesellschaft.

Normen sind jedoch nicht in Stein gemeißelt, sondern verändern sich stetig: In den 1950er Jahren war etwa eine Frau in Hosen ein unerhörter Anblick, ein Mann mit Ohrring ein Skandal.

Heute ist beides kein Thema mehr. Dass offen schwule Männer hohe politische Ämter bekleiden, wäre noch in den 1990ern undenkbar gewesen, genau wie eine lesbische TV-Moderatorin zur Hauptsendezeit. Was „normal“ ist, ist also relativ und häufig dem Zeitgeist unterworfen. Nicht nur in Bezug auf die Geschlechterrollen (also was Männer und Frauen sein und tun dürfen), sondern auch auf die sexuelle Identität (also wer wen lieben darf), hat sich die Vorstellung von „Normalität“ in unserer Gesellschaft stark verändert.

Heute gilt in dieser Hinsicht vieles als „normal“, was früher als „abartig“ betrachtet und mit Ächtung, Ausgrenzung oder sogar Gefängnis (siehe § 175 StGB / Homosexuellenverfolgung) bestraft wurde. Folglich ist es vielversprechend, daran zu arbeiten, dass sich die gesellschaftlichen Normen weiter verändern – dass sich jeder Mensch in einer Normalität der Vielfalt wiederfinden kann (siehe Inklusion).

Q

Queer

Auch dieses Adjektiv war, genau wie „lesbisch“ oder „schwul“, ursprünglich einmal abwertend gemeint. „Queer“ kommt aus dem Englischen und heißt „verrückt“, „seltsam“ oder auch „suspekt“.

Auch Menschen mit einer sexuellen oder geschlechtlichen Identität, die von der gesellschaftlichen Norm abweicht, wurden und werden als „queer“ bezeichnet. Genau wie Lesben und Schwule in den 1970er Jahren, eigneten sie sich den Begriff an, indem sie sich selbst mit Stolz so bezeichneten. 

Inzwischen hat sich diese Bezeichnung in und zum Teil auch außerhalb der Community durchgesetzt, denn „queer“ ist ein offener Begriff, der alle einschließt, die mit ihrem Aussehen und/oder Verhalten nicht den gängigen Rollenbildern entsprechen.

Wer sich als „queer“ bezeichnet, bei dem_der schwingt eine gewisse Freude darüber mit, dass das eigene Lebens- und Liebensmodell etwas „schräg“ und anti-traditionalistisch ist.

R

Regenbogenfamilie

Die Definition scheint auf den ersten Blick einfach: Eine Regenbogenfamilie ist eine Familie, die nicht aus einem heterosexuellen Elternpaar und dessen Kindern besteht. Und jetzt wird es kompliziert, denn es gibt verschiedene Konstellationen, in denen Regenbogenkinder aufwachsen.

Die häufigste ist ein Frauenpaar, das mit einem oder mehreren Kindern lebt. Diese Kinder stammen oft aus einer vorangegangenen heterosexuellen Beziehung einer oder beider Partner_innen, so dass manchmal auch der Vater der Kinder eine aktive Rolle in der Familie spielt. Immer öfter entscheiden sich Frauenpaare auch dafür, ein oder mehrere Kinder durch die sogenannte Insemination zu bekommen, also eine Samenspende (nicht zu verwechseln mit der sogenannten „künstlichen Befruchtung“ im Reagenzglas). Diese Spende kann von einer Samenbank stammen oder von einem privaten Samenspender.

Auch dieser kann, je nach Wunsch und Vereinbarung, eine aktive Rolle als Vater übernehmen und damit Teil der Regenbogenfamilie sein. Manchmal entscheiden sich je ein Frauen- und ein Männerpaar dafür, gemeinsam eine Familie zu gründen, der Begriff hierfür ist Queer-Family. Und natürlich leben auch Männerpaare als Eltern mit Kindern, die dann meist aus einer früheren heterosexuellen Beziehung stammen oder als Pflegekinder angenommen wurden.

Für Frauen einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ist der Zugang zu einer Samenbank und die ärztliche Durchführung einer künstlichen Befruchtung nicht geregelt. Allerdings gibt es in Deutschland Samenbanken und Ärzte, die dies lesbischen Paaren in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft trotzdem ermöglichen. Viele Paare planen aufgrund der rechtlichen Lage in Deutschland allerdings die Insemination im Ausland. Die enormen Kosten, die dadurch entstehen können, sind für viele eine Belastung und Teil der Diskriminierung. Schätzungen zufolge leben in Deutschland etwa 35.000 Kinder in Regenbogenfamilien.

Deren rechtliche Situation hat sich inzwischen verbessert: Seit 2005 können Eingetragene Lebenspartner_innen das vorhandene leibliche Kind ihrer Frau bzw. seines Mannes im Rahmen der sogenannten Stiefkindadoption adoptieren. Seit 2013 ist auch die sogenannte Sukzessivadoption eines durch die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner adoptierten Kindes möglich. Die gemeinsame Adoption (Volladoption) steht homosexuellen Paaren in Deutschland nicht offen. So gibt es noch eine ganze Reihe Reihe von ungeklärten Rechtsfragen rund um diese Familienkonstellationen.

Regenbogenflagge

Die Regenbogenfahne ist ein internationales Symbol für die Lesben- und Schwulenbewegung und ihren Kampf um Akzeptanz und Gleichberechtigung.

Sie wurde 1978 in San Francisco von dem amerikanischen Künstler Gilbert Baker auf Wunsch schwuler Aktivisten entworfen, die auf der Suche nach einem positiven Symbol für ihre Aktionen waren. Die Regenbogenfahne hatte zunächst acht Streifen, wobei die acht Farben für Baker die Sexualität, das Leben, die Gesundheit, die Sonne, die Natur, die Kunst, die Harmonie und die Seele symbolisieren sollten. Als die Flagge in die Massenproduktion ging, wurden die Farben aus praktischen Gründen auf sechs reduziert.

Mit ihren Farben rot-orange-gelb-grün-blau-violett gilt sie heute als Zeichen für die bunte Vielfalt der Community. Sie weht auf den Christopher Street Day-Paraden, pappt als Aufkleber auf Autos und Fahrrädern oder in den Schaufenstern von Geschäften, die zeigen wollen, dass sie „gay friendly“ sind und die Mitglieder der Communities willkommen heißen.

Rosa Winkel / Schwarzer Winkel

Mit dem Rosa Winkel wurden während des Nationalsozialismus homosexuelle Männer als Häftlinge in den Konzentrationslagern gekennzeichnet.

Als KZ-Insassen waren Häftlinge mit dem Rosa Winkel die unterste Stufe in der Lagerhierarchie und oft besonders schlimmen Demütigungen und Misshandlungen ausgesetzt. In den 1970er Jahren widmete die Schwulenbewegung den Rosa Winkel um, indem sie das Zeichen ihrer Unterdrückung bewusst trug – und machte es so zu einem stolzen Symbol für schwules Selbstbewusstsein.

Homosexualität unter Frauen stand in Deutschland nie unter Strafe. In Einzelfällen wurden aber auch lesbische Frauen in Konzentrationslager eingeliefert und mit dem Schwarzen Winkel als „Asoziale“ stigmatisiert oder als „Minderwertige“ gekennzeichnet. Bei Frauen waren das in erster Linie ein den Nazis nicht genehmes Sexualverhalten wie uneheliche Mutterschaft, lesbische Beziehungen, „sittliche Verwahrlosung“, „häufig wechselnde Geschlechtspartner“ oder der Vorwurf, eine „pflichtvergessene“ Mutter zu sein.

S

Schimpfworte

Tunte, Tucke, Schwuchtel, Mannweib – mit solchen Begriffen werden Menschen belegt, die homo- oder transsexuell sind – oder der_die Beschimpfer_innen dafür hält.

Die Aggression richtet sich dabei – unabhängig von der tatsächlichen sexuellen Identität des_der Beschimpften – gegen den Verstoß eines gängigen bzw. erwarteten Rollenstereotyps. So zielen die Schimpfwörter für homosexuelle Männer darauf, dass sie sich in den Augen des_der Aggressors_in nicht „männlich“ genug verhalten. Umgekehrt impliziert der Begriff „Mannweib“, dass die beschimpfte Frau ihre gesellschaftlich vorgegebene Rolle nicht erfülle, indem sie sich „männliche“ Attribute aneigne und daher keine „richtige Frau“ sei. Für die Beschimpften bedeuten diese Begriffe in der Regel Abwertung bis hin zu Mobbing.

Der Gebrauch von Schimpfwörtern ist auch Ausdruck der Ablehnung von oder Angst vor (siehe Homophobie) Menschen, die sich in Bezug auf die Geschlechterrollen uneindeutig verhalten, ohne Rücksicht auf deren Befindlichkeiten.

Schwul / Schwuler

Ein schwuler Mann ist homosexuell, sprich: gleichgeschlechtlich orientiert. Er liebt und begehrt also Männer. Zudem beschreibt „Schwulsein“ auch eine soziale, kulturelle und politische Identität, die sich in dem Zugehörigkeitsgefühl zu anderen Schwulen, sowie deren Gruppen und Initiativen ausdrückt (siehe Community).

Woher der Begriff „schwul“ stammt, ist nicht definitiv geklärt. Vermutlich ist er vom Wort „schwül“ abgeleitet. Ob dies auf das „warme“ Gefühl homosexueller Männer gegenüber ihren Geschlechtsgenossen oder womöglich auf die Atmosphäre in Schwulenlokalen anspielen soll, ist ebenfalls unklar.

Zum ersten Mal organisierten sich schwule Männer Ende des 19. Jahr-hunderts. Mit seinem 1897 gegründeten „Wissenschaftlich Humanitären Komitee“ (WHK) kämpfte der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld gegen die Pathologisierung und Kriminalisierung der Homosexualität (siehe § 175 StGB) und erklärte: „Die Homosexualität ist weder Krankheit noch Entartung, noch Laster noch Verbrechen, sondern stellt ein Stück der Naturordnung dar.“

In der Weimarer Republik blühte nicht nur eine bunte schwule Subkultur, auch Organisationen wie der „Bund für Menschenrecht“ setzten sich für Akzeptanz und die Abschaffung des § 175 ein. Die Nationalsozialist_innen bereiteten der frühen Emanzipationsbewegung ein brutales Ende.

Erst Anfang der 1970er Jahre formierte sich die Schwulenbewegung wieder neu. Ihre Erfolge werden zurückgeworfen, als Mitte der 1980er Jahre mit der zunächst als „Schwulenseuche“ gebrandmarkten Immunschwächekrankheit AIDS die Diskriminierung wieder aufflammte. Aus dieser Bedrohung verstärkte die Schwulenbewegung ihren politischen Kampf für Akzeptanz und entwickelte Versorgungsstrukturen wie Aidshilfen und Beratungsstellen.

Weiterhin forderte und fordert sie gleiche Rechte, von denen bis heute bereits einige verwirklicht worden sind (siehe Lebenspartnerschaft, Eingetragene).

Sexuelle Identität / sexuelle Orientierung

Vor allem im rechtlichen Kontext umfasst der Begriff der sexuellen Identität sowohl die sexuelle Orientierung als auch die Geschlechtsidentität.

Im Unterschied zur geschlechtlichen Identität, die sich auf die gefühlte Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder mehreren bezieht, geht es bei der sexuellen Identität darum, auf welches Geschlecht (oder welche Geschlechter) sich die emotionalen und sexuellen Wünsche eines Menschen richten.

Heterosexualität, Homosexualität und Bisexualität sind die häufigsten sexuellen Orientierungen, wobei diese Grenzen nicht bei jedem Menschen klar gezogen werden können. Wie sich die sexuelle Orientierung entwickelt, ist nicht endgültig erforscht. Es herrscht aber in der Wissenschaft inzwischen weitgehend Konsens darüber, dass dabei sowohl die Veranlagung – also eine genetische oder anderweitig körperliche Disposition – eine Rolle spielt, als auch eine soziale Komponente.

Die Sexualwissenschaft geht mehrheitlich davon aus, dass es sich um eine unabänderliche Prägung handelt. Je weniger eine Gesellschaft das Rollen- und Sexualverhalten normiert oder sanktioniert, desto eher ist es für Menschen denk-, fühl- und lebbar, ihre sexuelle Identität auch jenseits der mehrheitlichen Heterosexualität und der binären Geschlechtsrollen zu leben.

T

Trans*

Was hat das Sternchen hier zu suchen?

Es ist ein Platzhalter für alle Begriffe, die an die Vorsilbe „trans“ (lateinisch = hinüber, hindurch, auf die andere Seite) anhängt werden können, um die verschiedenen sexuellen Identitäten zu beschreiben, die mit einem Geschlechtswechsel zu tun haben: Transsexualität, Transgender, Transidentität, Transmann, Transfrau und so weiter. Dieser Wechsel kann die unterschiedlichsten Ausprägungen haben – vom gelegentlichen Auftritt als Drag Queen bis zur operativen Geschlechtsanpassung.

Und wenn all diese Varianten gemeint sein sollen, dann wird am besten ein Sternchen hinter das „trans“ gesetzt.

Transgender

Transgender sind Menschen, deren soziales Geschlecht (siehe Gender) ein anderes ist als ihr biologisches Geschlecht. Also zum Beispiel ein Mensch, der mit weiblichen Geschlechtsorganen auf die Welt kommt, aber sozial als Mann lebt.

Im Unterschied zur Transsexualität wird dieser Geschlechtswechsel aber nicht körperlich durch eine operative Geschlechtsanpassung vollzogen, sondern durch Verhalten, Gestus und Kleidung. Solche sozialen Geschlechtswechsel sind auch temporär möglich, zum Beispiel bei Auftritten als Drag Queen oder Drag King (drag = dressed as a girl/guy). Transmänner oder Transfrauen leben dagegen dauerhaft in ihrem selbstgewählten Geschlecht, das in der Regel nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht.

Je nachdem, ob Transmänner und -frauen ihren Geschlechtstransfer auch hormonell und/oder operativ umsetzen und wo sie sich im trans*Spektrum verorten, bezeichnen sich einige auch als Frau-zu-Mann- oder Mann-zu-Frau-Transsexuelle (siehe transsexuell/Transsexualität)

Transphobie

Wie auch bei der Homophobie beinhaltet der Begriff Transphobie Vorurteile, negative Einstellungen, Stigmatisierung, Abwertung, Verleugnung, Befürwortung von Diskriminierung, Diskriminierung und Gewalt gegenüber Trans*Menschen bzw. transgeschlechtlichen Lebensformen – aber auch staatliche Privilegierung zweigeschlechtlicher Lebensformen.

Zur tief gesellschaftlich verankerten Abwehr und Abwertung von allem, was nicht den gängigen Geschlechtsrollenstereotypen entspricht, kommt bei Transphobie womöglich eine tiefe Verunsicherung in Bezug auf die eigene (Geschlechts)Rolle.

Wie gewalttätig diese Ablehnung werden kann, zeigt der auch durch einen Hollywood-Film zu trauriger Berühmtheit gelangte Mord an Brandon Teena. Die junge Frau aus Nebraska, die eigentlich Teena Brandon hieß, lebte Anfang der 1990er als Mann. Als eine Gruppe Männer, denen Brandon ohnehin wegen seiner „unmännlichen“ Sanftheit suspekt gewesen war, sein biologisches Geschlecht entdeckten, vergewaltigten und erschossen sie ihn_sie.

Transsexuell/ Transsexualität

Transsexuelle sind Menschen, die ihr biologisches Geschlecht als falsch und sich selbst als zugehörig zum anderen Geschlecht empfinden.

Viele Transsexuelle haben den Wunsch, ihr biologisches Geschlecht mit einer Operation zu verändern und so ihrem gefühlten Geschlecht auch körperlich zu entsprechen. Nach dem deutschen Transsexuellengesetz können sie in diesem Fall ihren Personenstand ändern, also ihr Geschlecht in Geburtsurkunde, Reisepass und anderen Dokumenten ändern lassen.

Bisher war die operative Geschlechtsangleichung zwingende Voraussetzung für die Personenstandsänderung. Das wurde von Transsexuellen und Transgendern scharf kritisiert. Anfang 2011 erklärte schließlich das Bundesverfassungsgericht diesen Passus für verfassungswidrig. Es verstoße gegen das Recht auf Menschenwürde und körperliche Unversehrtheit, wenn der Gesetzgeber einen transsexuellen Menschen, der beurkundet auch ohne OP in seinem gefühlten Geschlecht leben möchte, zu einem so schweren körperlichen Eingriff zwänge.

Die Richter_innen erklärten: Die Dauerhaftigkeit und Irreversibilität des empfundenen Geschlechts lasse sich daran messen, „wie konsequent der Transsexuelle in seinem empfundenen Geschlecht lebt und sich in ihm angekommen fühlt“. Der Begriff transsexuell sagt nichts über die sexuelle Orientierung der Person aus. Transsexuelle Menschen leben und lieben sowohl heterosexuell als auch schwul, lesbisch oder bisexuell.

Two Spirit

Dies ist die aus der Sprachengruppe Ojibwa ins Englische übersetzte Bezeichnung für ein drittes Geschlecht, das es im von der westlichen Kultur abweichenden Geschlechtermodell bei vielen alten nordamerikanischen Indianerstämmen gegeben hat.

Two-Spirit bedeutet, dass zwei Seelen in einem Körper vereint sind. Die Bezeichnung Two Spirit wurde in den 1990er Jahren als Ersatz für die in der anthropologischen Literatur üblichen, jedoch als diskriminierend empfundenen Bezeichnung Berdache geprägt.

§

§ 175 StGB/ Homosexuellenverfolgung

„Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ So lautete der § 175, als er im Jahr 1871 erstmalig ins deutsche Strafgesetzbuch aufgenommen wurde.

Es sollte fast 100 Jahre dauern, bis sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern nicht mehr unter Strafe standen. Erst zum 1. September 1969 wurde der Paragraph entschärft und Männer konnten Sex mit Männern ohne die Angst haben, dafür ins Gefängnis zu müssen. Allerdings hatte der Gesetzgeber für männliche Homosexualität höhere Schutzaltersgrenzen festgelegt. Endgültig gestrichen wurde der §175 erst 1994.

Besonders radikal wurden homosexuelle Männer in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt. Rund 100.000 Männer wurden in sogenannten Rosa Listen von der Gestapo erfasst, 50.000 wurden nach dem § 175 verurteilt, den die Nazis 1935 sogar verschärften. Nun galt bereits ein „begehrlicher Blick“ als Straftat, so dass der Verfolgungs-Willkür keine Grenzen mehr gesetzt waren (siehe Rosa Winkel). Nach Kriegsende übernahm die Bundesrepublik das Gesetz mit der auf die Nationalsozialist_innen zurück zu führenden Formulierung unverändert.

Weibliche Homosexualität fiel in Deutschland nie unter den § 175 (wohl aber in Österreich), allerdings wurde die Ausdehnung des „Schwulenparagraphen“ auf Frauen ernsthaft in Erwägung gezogen. Weil Frauen im NS-Männerstaat ohnehin eine untergeordnete Rolle spielten, wurde von der Ausdehnung abgesehen. Die Nazis verfolgten homosexuelle Frauen jedoch auch ohne Gesetz. Dokumente belegen, dass Nachbar_innen Frauenpaare bei der Gestapo denunzierten, die Leiterinnen sogenannter „Damenclubs“ unter Vorwänden ins KZ gesteckt und lesbische Frauen auch ohne Rechtsgrundlage zu Gefängnisstrafen verurteilt oder zwangssterilisiert wurden.

In rund 70 Ländern der Welt ist Homosexualität bis heute verboten, in einigen Ländern steht darauf die Todesstrafe.

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